Warum ist die sexuelle Gesundheit von Frauen ein vernachlässigtes Thema?
Haben Sie sich je gefragt, warum in der Werbung ständig über männliche Erektionen gesprochen wird, während weibliches Verlangen verschämt verschwiegen wird? Oder warum es schwieriger ist, einen Arzt zu finden, der Schmerzen beim Sex ernst nimmt, als im Lotto zu gewinnen? Es scheint kein Zufall zu sein, sondern das Ergebnis langjähriger systemischer Probleme in der Medizin.
In der neuesten Folge des Podcasts der International Society for Sexual Medicine erklärte die Ärztin Rachel Rubin, warum die sexuelle Gesundheit von Frauen jahrelang vernachlässigt wurde. Ihrer Meinung nach konzentrierten sich Forschung und Ausbildung von Ärzten historisch gesehen hauptsächlich auf Männer. Frauenprobleme – von verminderter Libido bis zu Schmerzen beim Sex – wurden als „psychisch bedingt“ oder „das passiert eben“ abgetan. Dabei handelt es sich um ebenso medizinische Zustände wie Diabetes oder Bluthochdruck.
Warum ist das so? Erstens: Stigma. Das Thema weibliche Sexualität galt jahrhundertelang als Tabu, und Frauen schämten sich, selbst mit dem Arzt darüber zu sprechen. Zweitens: Ärzte sind nicht ausgebildet – in medizinischen Fakultäten werden der sexuellen Gesundheit nur wenige Stunden gewidmet, und auch dann meist mit Fokus auf Männer. Drittens: Das Gesundheitssystem selbst ist so strukturiert, dass der sexuellen Gesundheit von Frauen nur wenig Ressourcen und Forschung zugestanden werden. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: kein Wissen, keine Diagnostik, keine Behandlung.
Aber es gibt auch gute Nachrichten. Dr. Rubin ist überzeugt: Die Situation kann geändert werden. Dazu braucht es drei Dinge: Aufklärung (also aktives Vorantreiben des Themas), Mentoring für junge Ärztinnen und Ärzte sowie Teamarbeit, bei der Gynäkologen, Urologen, Psychologen und Sexualmediziner zusammenarbeiten. Bereits jetzt gibt es immer mehr Fachleute, die helfen wollen, und immer mehr Frauen, die keine Angst haben, über ihre Probleme zu sprechen.
Was bedeutet das für Sie? Wenn Sie Fragen zu Ihrer sexuellen Gesundheit haben – ignorieren Sie sie nicht. Suchen Sie sich eine Ärztin oder einen Arzt, der wirklich zuhört, statt abzuwinken. Fragen Sie nach Ihren Empfindungen, nach Schmerzen, nach Verlangen. Möglicherweise müssen Sie mehrere Ärzte ausprobieren, aber es lohnt sich. Ihr Recht auf ein erfülltes Leben ohne Scham und Schmerz liegt in Ihren Händen.
Der Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Originalbeitrag: Episode 54: Women’s Sexual Health - Part 1 — International Society for Sexual Medicine

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